Die fehlenden zehn Prozent

Ein Plädoyer dafür, zuerst Ballast abzubauen, bevor man mehr fordert.
Bertold Raschkowski, 28. September 2026

Titelbild: Die fehlenden zehn Prozent

 

Frage: „Wozu diese Maßnahme?"
Antwort: „Mir geht es um die fehlenden zehn Prozent Motivation.“

Heißt das, das Team läuft nur noch mit zehn Prozent Restantrieb? Keineswegs. Mit der Leistung seiner Leute (Teamperformance sagt man heute wohl) ist er grundsätzlich zufrieden. Grundsätzlich. Denn bis zur runden Hundert fehlt eben noch ein Stück.

Von der berühmten Extrameile war keine Rede. Zumindest hat sie niemand laut gefordert. Hundert Prozent von allen genügen. So jedenfalls der Blick von oben: aus der Geschäftsführung, dem Vorstand oder dem Büro des Inhabers.

Alles rausholen, was drinsteckt

Wie schaffen wir es, das volle Potenzial unserer Organisation zu entfalten, zu mobilisieren oder wie auch immer das aktuelle Schlagwort dafür lautet?

Verständlich. Das ist der übliche Weg. Motivationsprogramme, Teamevents, Visionsworkshops, Wertearbeit: mal mehr vom einen, mal mehr vom anderen, aber stets mit derselben Absicht. Es soll mehr werden.

Richtung? Nach oben. Immer.

Mehr Leistung, mehr Ergebnis, mehr überhaupt. Kein Wunder, denn es scheint nur einen Kompass zu geben, eine einzige Richtschnur: mehr, höher, schneller, weiter.

Und erreicht werden soll dieses Mehr am liebsten durch noch mehr: zusätzliche Kompetenzen, neue Tools, gesteigerte Effizienz und so weiter. Das nächste Level eben. Kann man so machen.

Dasselbe Muster begegnet mir übrigens oft, wenn jemand an seinem Zeit- und Selbstmanagement arbeiten will.

Die Frage auf den Kopf stellen

An dieser Stelle stelle ich die Ausgangsfrage gern andersherum. Nicht: Wie bringen wir unsere Leute dazu, (noch) mehr zu leisten? Sondern:

Stille

Meist wird es dann einen Moment ruhig. Und dann beginnt es zu arbeiten. Hm, da könnte was dran sein.

Und ja, es ist was dran. Was bringt es, Überflüssiges und Zielloses immer effizienter und schneller zu erledigen? Dann produziert man eben mehr Überflüssiges. Dafür hochproduktiv. Beschäftigt. Großartig. Oder eben: nicht.

Diese Stille öffnet einen Denkraum, der alles andere als neu ist, aber irgendwie in Vergessenheit geraten ist:

Ein neuer Raum für Gedanken und Möglichkeiten …

Wo steckt der Unsinn? Wo versickern Ressourcen? Welche Abläufe, Meetings, Features und Routinen schaffen keinen Wert, welche sind entbehrlich oder gleich ganz überflüssig?

… der Risiken birgt …

Klar: Wer genauer hinschaut, stellt womöglich fest, dass die eine oder andere lieb gewonnene Aufgabe oder das eine oder andere Herzensprojekt künftig wegfällt. Und mancher fragt sich dann, wie sicher der eigene Job eigentlich noch ist.

… und jede Menge Chancen

Die gute Nachricht: Es entsteht Luft für Ideen und Kreativität. Oder es zeigt sich (und das erlebe ich oft), dass man gar nicht so viel zusätzliches Personal braucht, weil konsequentes Ausmisten plötzlich Kapazitäten freilegt. Und das, ohne dass die Nachfrage eingebrochen wäre.

Nicht nur Prozesse, auch Kultur

Der kritische Blick auf die Abläufe allein reicht nicht. Genauso wichtig ist der Blick auf die Kultur: Schaffen wir ein Umfeld, in dem Menschen gut und gern arbeiten? In dem Zusammenarbeit und Kooperation wachsen können?

Wie ist es um Fairness bestellt, um das Gefühl dazuzugehören, um psychologische Sicherheit? Wie viel Autonomie, also Spielraum zum Gestalten, gibt es? Wie gehen wir mit Fehlern um, wie gut kommunizieren wir, wie viel Vertrauen ist da?

Weniger, und das besser

Wenn eine Organisation es schafft, a) Ballast loszuwerden und Hindernisse beiseitezuräumen und b) eine Kultur zu pflegen, die diesen Namen verdient, dann kommt sie leichter, müheloser und zügiger voran.

Weniger tun, das Richtige tun und dieses Wenige besser machen. Das ist die Richtung.

PS

Den Ballast erkennt man von außen deutlich schneller. Das ist das Privileg des Externen. Natürlich lässt sich so ein Ausmistprozess auch von innen anstoßen und durchziehen. Aber wer von außen kommt, hat einen anderen Blick. Den hat er vermutlich schon wieder verloren, wenn er drei bis sechs Monate dabei ist.

 


Bertold Raschkowski berät und begleitet Unternehmen, Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen dabei, sich von unnötigem Ballast zu befreien und Klarheit in Prozesse, Entscheidungen und Zusammenarbeit zu bringen. Sein Fokus liegt auf echten, umsetzbaren Lösungen: systemisch, pragmatisch, ohne Standardrezepte und mit dem Menschen im Mittelpunkt statt der Methode.

Wenn Sie einen ehrlichen, externen Blick auf Ballast und Kultur in Ihrer Organisation wünschen, freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme.