Der Schritt vor dem Schritt

Warum es sich lohnt, innezuhalten, bevor man den naheliegenden nächsten Schritt geht.
Bertold Raschkowski, [BITTE DATUM EINSETZEN]

Titelbild: Der Schritt vor dem Schritt

„Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“

Der Satz ist alt, sehr alt sogar: Er geht auf das Tao Te King zurück, das Laozi zugeschrieben wird (Kapitel 64). Zugegeben, das habe ich erst nachgeschlagen, nachdem ich ihn als Einstieg ausgewählt hatte. Eigentlich suchte ich nur nach einer halbwegs passenden Eröffnung für diesen Beitrag.

Von Schritten und Sprüngen

Mit Schritten ist das so eine Sache. Meist gehen wir schrittweise vor, denn alles auf einmal funktioniert bei größeren Vorhaben selten. Gelegentlich gelingt ein Sprung, eher zufällig, und verkürzt den Weg zum Ziel. Vorausgesetzt, es gibt eines. Eines, das klar formuliert ist und klar vor Augen steht. Und idealerweise eines, das auf dem eigenen Mist gewachsen ist.

Damit sind wir warmgelaufen und nähern uns dem eigentlichen Thema.

Ein Fall aus der Praxis

Ein erfahrener Ingenieur, Mitte vierzig, seit 18 Jahren im selben Unternehmen, zuständig fürs Produktmanagement. Dann: Stellenabbau. In sechs Monaten ist Schluss. Die Trennung kommt mit Ansage, nicht völlig überraschend, mit ausreichend Vorlauf und einem finanziellen Paket für den beruflichen Neustart, in der Fachsprache: Outplacement.

Der übliche Weg

Das bewährte Vorgehen sieht meist so aus: Kompetenzanalyse (die in der Praxis oft zu kurz kommt), Arbeitsmarktanalyse, Überarbeitung der Bewerbungsunterlagen, eventuell Kontakt zu Personalberatern, Bewerbungen versenden, Bewerbungstraining und im besten Fall eine Zusage. Durchatmen, noch einmal gut gegangen.

Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Das Vorgehen ist zweckmäßig, wenn jemand möglichst sicher in ein vertrautes Umfeld zurückkehren und dort bis zum Ruhestand ähnliche Aufgaben übernehmen möchte. Der Antrieb dahinter heißt Sicherheit.

Genau so hatte es sich auch der Ingenieur vorgestellt: zügig wieder in eine Anstellung, die den Kühlschrank füllt, die Kinderschuhe bezahlt und die Raten fürs Haus sichert.

Gute Fragen und gutes Fragen

Die entscheidende Frage lautet hier: Ist es das wirklich? Macht das zufrieden? Ist das der einzige Weg, geradlinig und folgerichtig, aber vielleicht nicht der beste?

Es ist zutiefst menschlich, Situationen und damit auch Jobs zu suchen, die sicher und beherrschbar wirken. Bekanntes Terrain eben. Mehr vom Gleichen, und jeden Morgen grüßt das Murmeltier.

Alles neu? Kann sein, muss aber nicht

Ich behaupte nicht, dass in einer solchen Lage alles über den Haufen geworfen werden muss. Ich behaupte aber: Bevor Sie den scheinbar logischen und naheliegenden nächsten Schritt gehen, lohnt sich ein prüfender Blick, ob dieser Weg wirklich der richtige ist, oder sogar der beste. Das ist der entscheidende Schritt vor dem nächsten Schritt.

Statt in Aktionismus zu verfallen, kann ich einen Schritt zurücktreten und innehalten. Bewusst und aktiv. Genau das haben wir getan: ohne Stellenprofile, ohne Unterlagen, ohne Liste von Zielunternehmen.

Raus!

Wir haben uns zu einer Runde in der Natur verabredet, um die Dinge buchstäblich in Bewegung zu bringen. Wer sich bewegt, draußen und jenseits vertrauter Besprechungsräume, dem öffnen sich Denk- und Handlungsspielräume oft wie von selbst. Das ist nicht nur Erfahrungswissen: Studien zeigen, dass Gehen das kreative, ideenreiche Denken messbar fördert (Oppezzo & Schwartz 2014) und dass Zeit in der Natur die Aufmerksamkeit regenerieren kann (Berman, Jonides & Kaplan 2008).

Unterwegs zeigt sich, was bremst und gebremst hat, ebenso wie das, was antreibt und motiviert. Wünsche, Motive und Werte treten hervor, als wollten sie endlich gesehen werden.

Gute Fragen, Zeit zum Nachdenken, Momente der Stille, frische Luft für den Kopf, die eine oder andere Notiz. Verwirrung. Und dann Klarheit.

Jenseits von Logik, Analytik und Methoden

Dieser Schritt vor dem Schritt wird nicht von Logik, Analyse und Methodik bestimmt. Für den analytisch denkenden, sachlichen und sehr strukturierten Ingenieur, der diese Struktur auch von mir erwartete, war das eine echte Herausforderung. Er hat sich trotzdem darauf eingelassen. Leicht war das nicht, das gebe ich gern zu.

Nach diesem Walk hörte ich längere Zeit nichts von ihm. Eigentlich waren weitere Termine geplant, die mit den Unterlagen und dem Bewerbungstraining. Doch es arbeitete in ihm. Aus der Verwirrung war offenbar Klarheit geworden, und zwar ganz ohne mein Zutun.

Funkstille, dann Tempo

Als er sich schließlich wieder meldete, haben wir noch etwas an den Unterlagen gefeilt und später die Vorstellungsgespräche vorbereitet. Beides ging erstaunlich schnell, denn das Ziel war klar. Nicht nur im Kopf: Auch Herz und Bauch waren sich einig.

Wieder verging etwas Zeit. Dann eine Mail: „Ich habe den Job!“

Die Moral von der Geschichte

Einige Monate später hielt ich einen Vortrag zum Thema „Besser entscheiden“. Im Publikum saßen zwei Überraschungsgäste: der Ingenieur und seine Frau, eigens aus dem Norden angereist.

Aus dem Norden? Der Schritt vor dem Schritt hatte einiges in Bewegung gebracht. Beide hatten sich an ihre Liebe zum Meer, zum Wassersport und zur Musik erinnert. Was zunächst wie eine Krise aussah, nutzten sie für einen konsequenten Neuanfang, beruflich wie privat. Auf einem neuen Weg, der ihnen im Grunde längst vertraut war.

Um es kurz zu machen: Das Ergebnis hätte selbstverständlich auch lauten können, dass der alte Weg zugleich der neue ist. Und natürlich gibt es auch so keine Erfolgsgarantie. Die Chancen stehen aber deutlich besser, wenn Antrieb und Motivation aus einem selbst kommen. Auch das ist gut untersucht: Wer Ziele verfolgt, die zu den eigenen Interessen und Werten passen, bleibt ausdauernder dran und erreicht sie häufiger (Sheldon & Elliot 1999).

Deshalb mein Plädoyer für den Schritt vor dem Schritt.

Ein Einzelfall aus meinem Nähkästchen? Keineswegs.

Quellen

 


Bertold Raschkowski berät und begleitet Unternehmen, Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen dabei, sich von unnötigem Ballast zu befreien und Klarheit in Prozesse, Entscheidungen und Zusammenarbeit zu bringen. Sein Fokus liegt auf echten, umsetzbaren Lösungen: systemisch, pragmatisch, ohne Standardrezepte und mit dem Menschen im Mittelpunkt statt der Methode.

Wenn Sie Ihren nächsten beruflichen oder persönlichen Schritt nicht nur gehen, sondern vorher in Ruhe prüfen möchten, freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme.